Stress ist nicht das Problem – unsere Reaktion darauf schon

Martin Geppert • 21. Oktober 2025

Stress ist nicht das Problem – unsere Reaktion darauf schon

Einleitung

Stress ist nicht per se unser Feind. Ohne ihn wären wir kaum leistungsfähig. Stress aktiviert uns, fokussiert unsere Aufmerksamkeit und hilft uns, in entscheidenden Momenten Energie zu mobilisieren. Doch während unser Körper auf Säbelzahntiger programmiert ist, sind es heute Meetings, Deadlines oder innere Ansprüche, die denselben Alarm auslösen.
Der Unterschied: Früher rannten wir los – heute sitzen wir fest.

Was also passiert wirklich, wenn wir gestresst sind – und wie kann Achtsamkeit helfen, wieder die Wahlfreiheit zwischen Reiz und Reaktion zu gewinnen?


Die Stressphysiologie – was im Körper passiert

Wenn wir Stress empfinden, aktiviert sich die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse). Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, Puls und Atmung steigen, Blut fließt in Muskeln statt in den Verdauungstrakt. Kurzfristig perfekt – langfristig riskant.

Das Problem: Unser Körper unterscheidet nicht zwischen realer Gefahr und Gedanken wie

„Ich darf mir keinen Fehler leisten“ oder „Was, wenn ich versage?“.

So kann sich chronischer Stress im Körper festsetzen – mit Folgen wie Erschöpfung, Gereiztheit, Schlafstörungen oder Entscheidungsmüdigkeit.
Die Stressreaktion selbst ist also
nicht das Problem – sie ist ein evolutionär sinnvolles Programm.
Das Problem ist,
wenn sie dauerhaft aktiv bleibt, weil wir nie den „Reset“-Knopf drücken.


Wie Achtsamkeit den Reset ermöglicht

Achtsamkeit verändert den Umgang mit Stress nicht durch Wegdrücken oder positives Denken, sondern durch bewusste Wahrnehmung.
Im MBSR-Training (Mindfulness-Based Stress Reduction) wird dieser Reset auf drei Ebenen erfahrbar:

  1. Körperlich:
    Durch achtsames Spüren (Body Scan, Atembeobachtung) nehmen wir früh wahr, wenn sich Anspannung aufbaut. Wir greifen also nicht erst ein, wenn es „zu spät“ ist.
  2. Emotional:
    Wir lernen, Gefühle als Signale zu erkennen – nicht als Bedrohung. Wut, Angst oder Druck dürfen da sein, ohne uns zu steuern.
  3. Kognitiv:
    Durch regelmäßige Praxis beobachten wir Gedanken, statt ihnen automatisch zu folgen. Das öffnet Raum für bewusste Entscheidungen.

Neurobiologisch betrachtet stärkt Achtsamkeit die Verbindung zwischen präfrontalem Kortex und Amygdala – also zwischen rationalem Denken und emotionalem Alarmzentrum.
Das bedeutet: Wir reagieren
weniger reflexhaft und mehr bewusst.


Stress im Führungskontext – Verantwortung beginnt bei mir

In Führungsrollen ist Stress oft an der Tagesordnung – aber die Art, wie wir damit umgehen, beeinflusst das ganze System.
Wenn Führungskräfte dauerhaft im „Fight-or-Flight“-Modus agieren, überträgt sich das auf ihre Teams.
Stress ist ansteckend –
aber Gelassenheit auch.

Achtsame Führung heißt daher:

  • Früh wahrnehmen, wenn der eigene Körper in Alarm geht.
  • Kurz innehalten, bevor gehandelt wird.
  • Bewusst kommunizieren statt impulsiv zu reagieren.
  • Erkennen, dass die eigene Präsenz wirkt – auch nonverbal.

Ein einfacher Einstieg:


Drei bewusste Atemzüge, bevor du eine Entscheidung triffst, eine Mail abschickst oder in ein schwieriges Gespräch gehst.
Klingt banal – ist hochwirksam.


Vom Reiz zur bewussten Wahl

Viktor Frankl formulierte es treffend:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.“

Genau diesen Raum kultiviert Achtsamkeit.
Nicht, um Stress zu vermeiden – sondern um
bewusst mit ihm zu tanzen.
So wird aus Stress kein Gegner, sondern ein Lehrer: Er zeigt uns, wo wir gefordert, aber auch überfordert sind.

Achtsamkeit hilft uns, diesen Moment zu erkennen – und dann bewusst zu atmen, zu handeln oder loszulassen.


Fazit

Stress ist unvermeidlich. Aber wie wir darauf reagieren, ist trainierbar.
Mit Achtsamkeit üben wir genau das:
Wahrnehmen statt reagieren, handeln statt getrieben sein.
Und genau darin liegt wahre innere Stärke – im Führungskontext ebenso wie im Leben.


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Einleitung Führung in Zeiten ständiger Veränderung verlangt heute mehr als Strategien, Tools und KPI-Management. Entscheidend ist, wie bewusst Führungskräfte handeln – nicht nur, was sie tun. Achtsamkeit wird dabei oft als „weiches Thema“ missverstanden, als Ruheinsel im Sturm. Doch Forschung und Praxis zeigen: Achtsamkeit ist kein Soft Skill – sie ist ein Performance-Faktor. Sie verbessert Konzentration, emotionale Stabilität, Entscheidungsqualität und Teamresilienz – und damit genau das, was moderne Führung braucht. 1. Was achtsame Führung ausmacht Achtsame Führung bedeutet, Präsenz und Bewusstheit in den Führungsalltag zu integrieren. Sie beruht auf drei Kernkompetenzen: Selbstwahrnehmung: Zu erkennen, was in mir vorgeht – Gedanken, Emotionen, Impulse – bevor ich handle. Das schafft Wahlfreiheit statt Reaktivität. Selbstregulation: Bewusst innezuhalten, anstatt automatisch zu reagieren. So wird aus Stressresonanz gezieltes Handeln. Beziehungsbewusstsein: Den anderen wirklich wahrzunehmen – mit Empathie, Offenheit und Präsenz. Führung ist Beziehung, und Beziehung entsteht nur in Bewusstheit. Achtsame Führung beginnt also nicht beim Team, sondern bei der inneren Haltung. Und genau diese Haltung beeinflusst messbar die Leistung ganzer Organisationen. 2. Studienlage – warum Achtsamkeit messbare Effekte hat Die wissenschaftliche Evidenz für Achtsamkeit in der Führung ist mittlerweile solide: Harvard Business Review (2019): Führungskräfte mit regelmäßiger Achtsamkeitspraxis zeigten 31 % höhere emotionale Regulation, 28 % bessere Entscheidungsqualität und 34 % weniger Burn-out-Anzeichen. INSEAD-Studie (2018): Teams, deren Leader Achtsamkeit trainierten, berichteten von 23 % mehr psychologischer Sicherheit – ein entscheidender Faktor für Innovation und Zusammenarbeit. Google „Search Inside Yourself“ Programm: Nach acht Wochen Achtsamkeitstraining stieg die Selbstwahrnehmung signifikant, Konflikte gingen zurück, Fokus und Zufriedenheit nahmen zu. Neurobiologisch: MRT-Studien zeigen, dass Achtsamkeit die Amygdala-Aktivität reduziert (Stresszentrum) und den präfrontalen Kortex stärkt (Sitz von Fokus, Selbststeuerung und Empathie). Fazit: Achtsamkeit ist kein „Nice to Have“, sondern ein messbarer Hebel für kognitive, emotionale und soziale Leistungsfähigkeit. 3. Praxisbeispiele – wie Achtsamkeit Führung verändert Beispiel 1: Entscheidungskompetenz unter Druck Eine Bereichsleiterin in einem Logistikunternehmen berichtet, dass sie vor wichtigen Entscheidungen mittlerweile bewusst innehält – zwei Atemzüge, ein Moment Klarheit. „Früher habe ich aus Stress entschieden. Heute erkenne ich, wann mein Körper auf Alarm steht – und kann dann bewusst denken.“ Ergebnis: weniger Fehlentscheidungen, klarere Kommunikation. Beispiel 2: Achtsame Meetings Ein Projektteam bei einem Automobilzulieferer beginnt jedes Meeting mit 60 Sekunden Stille und einer klaren Intention. „Das spart uns pro Woche Stunden“, so der Teamleiter. „Wir reden weniger, aber sagen mehr.“ Die Präsenz im Team stieg, die Konflikte sanken deutlich. Beispiel 3: Führung in Veränderung Ein Produktionsleiter nutzt achtsame Reflexion als Tool in Change-Phasen. „Ich kann nicht verhindern, dass sich Menschen gestresst fühlen. Aber ich kann präsent bleiben – und das überträgt sich.“ Sein Team beschreibt ihn als ruhiger, klarer, verbindlicher. 4. Achtsamkeit und Resilienz – innere Stärke in Bewegung Resilienz ist die Fähigkeit, unter Druck stabil zu bleiben und sich nach Belastung zu regenerieren. Achtsamkeit ist dabei der zentrale Trainingsraum: Sie erhöht die Wahrnehmung von Stresssignalen , bevor Überforderung entsteht. Sie stärkt die Fähigkeit, innezuhalten statt zu reagieren. Sie fördert Akzeptanz und Selbstmitgefühl – entscheidend für nachhaltige Regeneration. Achtsame Führung bedeutet also nicht, Stress zu vermeiden, sondern bewusst mit ihm umzugehen. So wird Resilienz nicht zum individuellen Kraftakt, sondern zur kollektiven Kultur. 5. Achtsamkeit als Entscheidungskompetenz Führung ist zu einem großen Teil Entscheidungsarbeit unter Unsicherheit. Gerade in Zeiten von Komplexität, Informationsflut und Veränderung ist die Fähigkeit zur bewussten Entscheidung entscheidend. Achtsamkeit stärkt genau das: Sie reduziert kognitive Verzerrungen (Bias) durch bewusste Wahrnehmung. Sie fördert klare Priorisierung durch Fokus. Sie erhöht emotionale Intelligenz – wichtig für situative Führung. Oder wie ein CEO in einem Leadership-Programm formulierte: „Achtsamkeit hilft mir, die Pause zwischen Reiz und Reaktion zu verlängern – und darin liegt meine Führungsqualität.“ Fazit Achtsame Führung ist keine Entspannungsübung, sondern ein Leadership-Upgrade. Sie verbindet Fokus, Empathie und Klarheit – und schafft so die Grundlage für nachhaltige Performance. Achtsamkeit bedeutet nicht, weniger zu tun – sondern bewusster zu führen. Und genau darin liegt ihre Kraft: in der Verbindung von Präsenz und Wirksamkeit. Weil Führung, die mit sich verbunden ist, auch andere verbinden kann.
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