Die Führungskraft als Coach - Geht das überhaupt?

Martin Geppert • 11. August 2025

Die Führungskraft als Coach - Geht das überhaupt? - Die Antwort lautet Jein!

Wie können Führungskräfte Einfluss nehmen auf die Mitarbeitenden?

Ich habe über dieses Thema bereits in einem anderen Beitrag geschrieben:

Wir können Menschen nicht verändern, denn üblicherweise tun Menschan das was sie wollen und für Richtig halten. Wir können als Führungskräfte nur versuchen sie zu beeinflussen...

Diese Beeinflussung erfolgt im Führungskontext meistnicht im luftleeren Raum, sondern unter Berücksichtigung von:

  • Zielen und Strategien
  • Strukturen und Aufgaben
  • Beschränkungen und Randbedingungen

Die Beeinflussung hat also zum Ziel im gegebenen Kontext die eigenen Ziele und Ideen und die Ziele der Organisation zu unterstützen.


Was bedeutet Coaching?

Coaching ist ein strukturierter, zielorientierter Prozess, bei dem ein Coach eine Person (Coachee) dabei unterstützt, eigene Lösungen für persönliche oder berufliche Herausforderungen zu finden. Coaching basiert auf dem Prinzip der Selbstverantwortung: Der Coachee hat die Lösung in sich – der Coach hilft dabei, sie zu entdecken.

Systemisches Coaching basiert auf der Annahme, dass der Mensch Teil eines Systems ist (z. B. Team, Organisation, Familie) – und dass sich Verhalten immer im Kontext dieses Systems zeigt und verändert.

Kurz gesagt, der Coach leistst "Hilfe zur Selbsthilfe". Die Verantwortung für die Lösung und das Ziel liegt also komplett beim Coachee


Was sind also die wichtigsten Voraussetzungen für Haltung eines Coaches?

1. Wertschätzung und Respekt

Der Coach begegnet dem Coachee auf Augenhöhe – unabhängig von dessen Verhalten, Position oder Herausforderung. Es geht um eine grundsätzliche Anerkennung der Person.

2. Allparteilichkeit und Neutralität

Der Coach nimmt keine bewertende Haltung ein und stellt sich nicht auf eine Seite – auch nicht unbewusst. Es geht darum, verschiedene Perspektiven gleichwertig zu betrachten.

3. Nicht-Wissen und echte Neugier

Coaching bedeutet, offen zu sein für das, was sich zeigt. Der Coach geht davon aus, dass der Coachee selbst Experte für sein Leben ist, und stellt neugierige, nicht suggestive Fragen.

4. Ressourcen- und Lösungsorientierung

Der Fokus liegt nicht auf Problemen oder Defiziten, sondern auf vorhandenen Kompetenzen, Stärken und Möglichkeiten. Coaching unterstützt die Entwicklung neuer Lösungswege auf Basis vorhandener Ressourcen.

5. Systemisches Denken

Der Mensch wird immer im Kontext seines Umfeldes (z. B. Familie, Team, Organisation) betrachtet. Verhalten ist nie isoliert, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs.

6. Ziel- und Zukunftsorientierung

Coaching blickt in die Zukunft. Es geht um die Entwicklung konkreter, realistischer Ziele und darum, wie erste Schritte dorthin aussehen können.

7. Vertraulichkeit und Sicherheit

Der Coach schafft einen geschützten Raum, in dem der Coachee offen sprechen kann. Diskretion und Vertrauen sind elementar.

8. Achtsamkeit und Selbstreflexion des Coaches

Ein Coach muss sich seiner eigenen Werte, Muster und Grenzen bewusst sein. Eigene Emotionen und Reaktionen sollten reflektiert und professionell eingeordnet werden können.


Wann kann eine Führungskraft gut als Coach agieren?

1. Bei Entwicklungs- oder Reflexionsgesprächen

Wenn eine Mitarbeiterin über Ziele, Karrierewege oder Herausforderungen nachdenkt, kann die Führungskraft durch gute Fragen zur Klärung beitragen.

Beispiel:
„Was brauchst du, um in dieser Rolle noch stärker zu werden?“
„Was hat bisher gut funktioniert und was möchtest du ändern?“

2. Zur Förderung von Selbstverantwortung und Problemlösung

Wenn ein Teammitglied mit einer Herausforderung kommt, kann die Führungskraft durch Coachingfragen helfen, eigenständige Lösungen zu finden, statt direkt Ratschläge zu geben.

Beispiel:
„Welche Optionen siehst du?“
„Was würdest du tun, wenn du keine Angst vor einem Fehler hättest?“

3. In Lern- und Feedbackprozessen

Coachingorientierte Fragen können helfen, Erfahrungen zu reflektieren und Lernen zu vertiefen.

Beispiel:
„Was nimmst du aus dieser Situation für dich mit?“
„Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?“

4. In Veränderungssituationen

Bei Unsicherheit oder Wandel hilft Coaching, Klarheit zu gewinnen und den eigenen Beitrag im System zu erkennen.

Beispiel:
„Wie möchtest du dich in diesem Veränderungsprozess einbringen?“
„Was würde dir helfen, damit gut umzugehen?“

Wann sollte eine Führungskraft nicht coachen?

1. Bei Ziel- oder Leistungsbeurteilungen

In hierarchischen Situationen (z. B. Zielvereinbarung, Bewertungsgespräche) ist Coaching nicht angebracht, weil es eine klare Rollenverteilung gibt – Coach und Entscheider in einem zu sein, schafft Widersprüche. Wenn die Führungskraft nicht lösungsoffen ist, z.B. weil es Randbedingungen oder Beschränkungen gibt, dann ist es besser Diese klar zu benennen, anstatt zu coachen.

2. Wenn es um disziplinarische oder kritische Themen geht

Bei Konflikten, Fehlverhalten oder klaren Regelverstößen ist Führung gefragt – mit Klarheit, Ansage und ggf. Konsequenzen, nicht mit offenen Coachingfragen. 

3. Wenn die Beziehung nicht tragfähig ist

Coaching braucht Vertrauen. Wenn die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter*in gestört ist, sollte ein externer Coach oder eine neutrale Instanz hinzugezogen werden.

4. Bei persönlichen oder privaten Themen

Geht es um Themen wie persönliche Krisen, emotionale Belastungen oder familiäre Probleme, ist Coaching durch die Führungskraft meist nicht geeignet. Hier braucht es externe Unterstützung oder HR-Ansprechpartner*innen.

5. Wenn ein klares Mandat fehlt

Coaching funktioniert mit oder ohne Führung nur dann, wenn es explizit gewollt ist – also auf Freiwilligkeit, Vertrauen und Klarheit über die Rollen basiert. Ohne diese Grundlage kann es manipulativ wirken.


Fazit

Es können Rollenkonflikte entstehen, wenn Führungskräfte versuchen, als Coach zu agieren, während sie gleichzeitig disziplinarisch handeln müssen. Diese duale Rolle kann zu Spannungen führen, insbesondere wenn die Erwartungen an die Führungskraft nicht klar vergegenwärtigt sind. Der Balanceakt zwischen direkten und coachenden Ansätzen ist eine gängige Herausforderung im Führungsalltag.

Führungskräfte können coachingorientiert führen – das heißt: mit Offenheit, guter Fragetechnik, Interesse und Reflexionsanregungen. Aber sie sind keine Coaches im engeren Sinne. Ihre Rolle beinhaltet Macht, Verantwortung und Interessen – das ist mit echtem Coaching nicht immer vereinbar.



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Einleitung Führung in Zeiten ständiger Veränderung verlangt heute mehr als Strategien, Tools und KPI-Management. Entscheidend ist, wie bewusst Führungskräfte handeln – nicht nur, was sie tun. Achtsamkeit wird dabei oft als „weiches Thema“ missverstanden, als Ruheinsel im Sturm. Doch Forschung und Praxis zeigen: Achtsamkeit ist kein Soft Skill – sie ist ein Performance-Faktor. Sie verbessert Konzentration, emotionale Stabilität, Entscheidungsqualität und Teamresilienz – und damit genau das, was moderne Führung braucht. 1. Was achtsame Führung ausmacht Achtsame Führung bedeutet, Präsenz und Bewusstheit in den Führungsalltag zu integrieren. Sie beruht auf drei Kernkompetenzen: Selbstwahrnehmung: Zu erkennen, was in mir vorgeht – Gedanken, Emotionen, Impulse – bevor ich handle. Das schafft Wahlfreiheit statt Reaktivität. Selbstregulation: Bewusst innezuhalten, anstatt automatisch zu reagieren. So wird aus Stressresonanz gezieltes Handeln. Beziehungsbewusstsein: Den anderen wirklich wahrzunehmen – mit Empathie, Offenheit und Präsenz. Führung ist Beziehung, und Beziehung entsteht nur in Bewusstheit. Achtsame Führung beginnt also nicht beim Team, sondern bei der inneren Haltung. Und genau diese Haltung beeinflusst messbar die Leistung ganzer Organisationen. 2. Studienlage – warum Achtsamkeit messbare Effekte hat Die wissenschaftliche Evidenz für Achtsamkeit in der Führung ist mittlerweile solide: Harvard Business Review (2019): Führungskräfte mit regelmäßiger Achtsamkeitspraxis zeigten 31 % höhere emotionale Regulation, 28 % bessere Entscheidungsqualität und 34 % weniger Burn-out-Anzeichen. INSEAD-Studie (2018): Teams, deren Leader Achtsamkeit trainierten, berichteten von 23 % mehr psychologischer Sicherheit – ein entscheidender Faktor für Innovation und Zusammenarbeit. Google „Search Inside Yourself“ Programm: Nach acht Wochen Achtsamkeitstraining stieg die Selbstwahrnehmung signifikant, Konflikte gingen zurück, Fokus und Zufriedenheit nahmen zu. Neurobiologisch: MRT-Studien zeigen, dass Achtsamkeit die Amygdala-Aktivität reduziert (Stresszentrum) und den präfrontalen Kortex stärkt (Sitz von Fokus, Selbststeuerung und Empathie). Fazit: Achtsamkeit ist kein „Nice to Have“, sondern ein messbarer Hebel für kognitive, emotionale und soziale Leistungsfähigkeit. 3. Praxisbeispiele – wie Achtsamkeit Führung verändert Beispiel 1: Entscheidungskompetenz unter Druck Eine Bereichsleiterin in einem Logistikunternehmen berichtet, dass sie vor wichtigen Entscheidungen mittlerweile bewusst innehält – zwei Atemzüge, ein Moment Klarheit. „Früher habe ich aus Stress entschieden. Heute erkenne ich, wann mein Körper auf Alarm steht – und kann dann bewusst denken.“ Ergebnis: weniger Fehlentscheidungen, klarere Kommunikation. Beispiel 2: Achtsame Meetings Ein Projektteam bei einem Automobilzulieferer beginnt jedes Meeting mit 60 Sekunden Stille und einer klaren Intention. „Das spart uns pro Woche Stunden“, so der Teamleiter. „Wir reden weniger, aber sagen mehr.“ Die Präsenz im Team stieg, die Konflikte sanken deutlich. Beispiel 3: Führung in Veränderung Ein Produktionsleiter nutzt achtsame Reflexion als Tool in Change-Phasen. „Ich kann nicht verhindern, dass sich Menschen gestresst fühlen. Aber ich kann präsent bleiben – und das überträgt sich.“ Sein Team beschreibt ihn als ruhiger, klarer, verbindlicher. 4. Achtsamkeit und Resilienz – innere Stärke in Bewegung Resilienz ist die Fähigkeit, unter Druck stabil zu bleiben und sich nach Belastung zu regenerieren. Achtsamkeit ist dabei der zentrale Trainingsraum: Sie erhöht die Wahrnehmung von Stresssignalen , bevor Überforderung entsteht. Sie stärkt die Fähigkeit, innezuhalten statt zu reagieren. Sie fördert Akzeptanz und Selbstmitgefühl – entscheidend für nachhaltige Regeneration. Achtsame Führung bedeutet also nicht, Stress zu vermeiden, sondern bewusst mit ihm umzugehen. So wird Resilienz nicht zum individuellen Kraftakt, sondern zur kollektiven Kultur. 5. Achtsamkeit als Entscheidungskompetenz Führung ist zu einem großen Teil Entscheidungsarbeit unter Unsicherheit. Gerade in Zeiten von Komplexität, Informationsflut und Veränderung ist die Fähigkeit zur bewussten Entscheidung entscheidend. Achtsamkeit stärkt genau das: Sie reduziert kognitive Verzerrungen (Bias) durch bewusste Wahrnehmung. Sie fördert klare Priorisierung durch Fokus. Sie erhöht emotionale Intelligenz – wichtig für situative Führung. Oder wie ein CEO in einem Leadership-Programm formulierte: „Achtsamkeit hilft mir, die Pause zwischen Reiz und Reaktion zu verlängern – und darin liegt meine Führungsqualität.“ Fazit Achtsame Führung ist keine Entspannungsübung, sondern ein Leadership-Upgrade. Sie verbindet Fokus, Empathie und Klarheit – und schafft so die Grundlage für nachhaltige Performance. Achtsamkeit bedeutet nicht, weniger zu tun – sondern bewusster zu führen. Und genau darin liegt ihre Kraft: in der Verbindung von Präsenz und Wirksamkeit. Weil Führung, die mit sich verbunden ist, auch andere verbinden kann.
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