Der Moment, in dem Teams anfangen ehrlich zu werden

Martin Geppert • 18. Mai 2026

Warum psychologische Sicherheit nichts mit Harmonie zu tun hat.

Einstieg

In den letzten Wochen ging es immer wieder um Dinge, die in Teams zwar wahrgenommen, aber nicht ausgesprochen werden.

Um Interpretationen, um unausgesprochene Spannungen,  um den sprichwörtlichen „Elefanten im Raum“.

Die entscheidende Frage lautet deshalb irgendwann:

Was braucht es eigentlich, damit Teams anfangen, ehrlich zu werden?

Lencioni hat in seinem Buch "The 5 dysfunctions of a team" unter anderem darauf hingewiesen, dass wir künstliche Harmonie vermeiden sollten, Edmondson spricht in "The fearless organization" von psychologischer Sicherheit


Diese Hinweise werden oftmals missverstanden:


Denn psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass alle nett zueinander sind oder dass dauerhaft Harmonie herrscht.
Und sie bedeutet auch nicht, Konflikte zu vermeiden.

Im Gegenteil.


High Performance im Team beginnt oftmals dort, wo psychologische Sicherheit herrscht und  schwierige Dinge endlich ausgesprochen werden


Warum Harmonie oft täuscht

Viele Teams wirken nach außen harmonisch. Diskussionen verlaufen ruhig, Konflikte eskalieren selten,  Meetings bleiben sachlich.

Wenn Teams mir sagen: „Bei uns ist alles super, wir haben keine Konflikte“,
dann gehen bei mir eher die Warnlampen an.

Denn oft fehlt genau dort etwas Wesentliches: Die Fähigkeit, schwierige Dinge offen anzusprechen.



Denn Harmonie ist nicht automatisch ein Zeichen von Vertrauen.
Manchmal ist sie lediglich ein Zeichen dafür, dass Menschen vorsichtig geworden sind.

Sie halten sich zurück.
Nicht, weil ihnen nichts auffällt.
Sondern weil sie nicht sicher sind, wie offen sie sprechen können.

Dann entsteht eine Kultur der Anpassung:

  • Risiken werden vorsichtiger formuliert
  • Zweifel bleiben unausgesprochen
  • Widerspruch wird reduziert

Nach außen wirkt das stabil...künstlich harmonisch eben

Im Inneren verliert das Team jedoch an Offenheit und Lernfähigkeit.


Der eigentliche Kern psychologischer Sicherheit

Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass alles angenehm ist.

Sie bedeutet, dass Menschen sich trauen:

  • Fragen zu stellen
  • Unsicherheit zu zeigen
  • Fehler anzusprechen
  • anderer Meinung zu sein

Ohne befürchten zu müssen, dadurch abgewertet zu werden.

Genau das ist der entscheidende Punkt.

Denn in vielen Teams ist nicht das Problem, dass Menschen keine Gedanken haben.

Das Problem ist, dass sie entscheiden, diese Gedanken lieber nicht zu äußern. Sie entscheiden sich für das scheinbar sichere Schweigen.


Wann Teams anfangen ehrlich zu werden

Der Wendepunkt entsteht oft in kleinen Momenten.

Nicht durch große Workshops oder Leitbilder.

Sondern dann, wenn jemand beginnt, etwas anzusprechen, das bisher unausgesprochen war.

Zum Beispiel:

  • ein Zweifel
  • eine Irritation
  • eine unangenehme Beobachtung
  • ein Fehler
  • ein Risiko

Und wenn darauf nicht mit Abwehr reagiert wird, sondern mit echtem Interesse.

Genau in diesem Moment verändert sich etwas im Team.

Menschen registrieren sehr genau:

  • Darf man hier offen sprechen?
  • Werden schwierige Themen möglich?
  • Ist Widerspruch erlaubt?

Psychologische Sicherheit entsteht deshalb nicht durch Absicht.
Sondern durch erlebte Reaktion.


Warum Führung dabei entscheidend ist

Die Reaktion von Führungskräften hat enorme Wirkung.

Nicht in Hochglanzmomenten.
Sondern in den kleinen Situationen des Alltags.

Wie reagierst du:

  • auf schlechte Nachrichten?
  • auf Fehler?
  • auf Unsicherheit?
  • auf Kritik?

Genau dort entscheidet sich, ob Menschen künftig offen bleiben – oder vorsichtiger werden.

Denn Teams lernen sehr schnell, was im System wirklich erwünscht ist.


Der „Elefant im Raum“ verändert alles

In den letzten Beiträgen war der Elefant im Raum ein Bild für das, was niemand anspricht.

Psychologische Sicherheit beginnt genau in dem Moment, in dem jemand auf diesen Elefanten zeigt.

Nicht aggressiv.
Nicht dramatisch.

Sondern offen.

„Ich glaube, wir sprechen gerade nicht über das eigentliche Thema.“

Dieser Satz kann die Qualität eines Teams verändern.

Nicht, weil sofort alles gelöst wird.
Sondern weil Ehrlichkeit überhaupt erst möglich wird.


Warum das nicht bequem ist

Psychologische Sicherheit klingt oft weich.

In Wahrheit ist sie anspruchsvoll.

Denn Ehrlichkeit erzeugt Reibung.
Unterschiedliche Perspektiven werden sichtbar.
Spannungen verschwinden nicht mehr hinter höflicher Oberfläche.

Aber genau dadurch entstehen:

  • bessere Entscheidungen
  • mehr Lernen
  • mehr Verantwortung
  • mehr Vertrauen

Nicht trotz der Offenheit.
Sondern wegen ihr.


Schlussgedanke

Teams werden nicht stark, weil alles harmonisch ist.

Sie werden stark, wenn Menschen anfangen, Realität gemeinsam anzuschauen – auch dann, wenn sie unbequem ist.

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